Yoga und Wissenschaft: Wie Yoga bei Trauma-Erfahrungen unterstützen kann
Seitdem ich vor sieben Jahren in die faszinierende Welt des Yoga eingetaucht bin, komme ich oft aus dem Staunen nicht heraus, was das alles in mir und auch anderen Menschen bereits bewirkt hatte. Ich persönlich bin aufgrund eines großen Leidensdruckes beim Yoga gelandet, was mir zu Beginn nicht klar war, da der Bezug zu meinen Gefühlen nicht vorhanden war. Oft wusste ich überhaupt nicht, wie es mir WIRKLICH ging: War da Wut, Trauer oder vielleicht doch Angst? Ein Gefühl, welches ich aber immer spüren konnte, war Glück.
Ich würde behaupten, dass wir alle unsere Päckchen mit uns herumtragen. Meins fühlte sich 2014 unfassbar schwer an, was man auch an meinem Gang feststellen konnte: War ich alleine unterwegs, ließ ich die Schultern hängen, vermied Blicke zu anderen Menschen um bloß nicht aufzufallen oder angesehen zu werden. Als ich mit Yoga begann, veränderte sich auch so einiges in mir: Ich spürte meinen Körper wieder bewusster. Schon alleine diese Erfahrung verursachte ein sehr angenehmes Glücksgefühl in mir.
2018 landete ich in meiner ersten Yogalehrerausbildung, dem Embodied Flow Yoga Teacher Training. Während dieser Ausbildung ging es hauptsächlich darum, wieder mehr ins Spüren zu kommen und herauszufinden, was unsere wirkliche authentische Wahrheit ist. An jedem Ausbildungswochenende durften sich so einige alte Erfahrungen, an denen mein Körper jahrelang festhielt, endlich lösen. Wenn ich mich richtig erinnere, dann brach ich wirklich an jedem Ausbildungswochenende in Tränen aus.
Yoga hat mich verletzlicher, aber auch ehrlicher und authentischer gemacht. Dank Yoga habe ich es geschafft, meine Resilienz zu stärken, zu mir zu finden und meinem Herzensweg zu folgen. Ich habe aufgehört, es immer allen anderen – außer mir – rechtmachen zu wollen. Heute denke ich eher selten darüber nach, dass mich jemand ablehnen könnte oder schlecht über mich sprechen könnte, vielleicht den Kontakt zu mir meiden will, denn ich habe gelernt, dass das so, wie jemand mit mir umgeht, nichts über meinen Wert aussagt. Durch Yoga wurde ich stärker, ich wurde mir SELBST-bewusster.
All das sind meine subjektiven Erfahrungen, die ich dank Yoga erleben durfte.
Glücklicherweise gibt es mittlerweile auch einige Studien darüber, wie Yoga unsere Gesundheit positiv beeinflussen kann. Vor einigen Monaten bin ich durch eine andere liebe Yogalehrerin auf das Buch „Verkörperter Schrecken – Traumaspuren in Gehirn, Geist und Körper und wie man sie heilen kann“ von Bessel van der Kolk gestoßen, der seit mehr als 30 Jahren in den Bereichen der Forschung und der klinischen Praxis aktiv ist. Im 16. Kapitel zeigt er auf, welchen positiven Einfluss Yoga auf traumatisierte Menschen hat.
Ich persönlich finde es spannend, Yoga psychisch erkrankten Menschen näher zu bringen. Ich bin zurzeit alle vierzehn Tage in einem Wohnheim (in welchem ich auch meinen Bundesfreiwilligendienst gemacht habe), wo ich mit den Bewohnern und Bewohnerinnen Yoga im Sitzen praktiziere. Eine der Bewohnerinnen überreichte mir im August nach meinem Bundesfreiwilligendienst eine Karte, auf der steht: „Ihr Yoga macht einen neuen Menschen aus mir.“ Dieser Satz und die glücklichen Gesichter nach einer nur 30-minütigen Praxis motivieren mich immer mehr dazu, so vielen Menschen wie nur möglich Yoga zugänglich zu machen.
Zurück zu Bessel van der Kolk: Er berichtet, dass es sich beim Autonomen Nervensystem (ANS) um das wichtigste überlebenssichernde System des Gehirns handelt: Das Sympathische Nervensystem ist dafür zuständig, Adrenalin auszustoßen, um im Körper Aktivitäten auszulösen und das Parasympathische Nervensystem hat durch Acetylcholin die Funktion, Verdauung, Wundheilung, Schlaf und Traumzyklen zu steuern. Sind wir gesund, dann funktionieren diese beiden Systeme optimal zusammen.
Atmen wir ein, aktivieren wir den Sympathikus, atmen wir aus, stimulieren wir den Parasympathikus. Bei Menschen mit Traumata funktioniert das Zusammenspiel aus den beiden Funktionen nicht richtig – hier wurde eine sehr niedrige Herzratenvariabilität gemessen. Durch Pranayama (Atemübungen) kann das Zusammenspiel der Beiden verbessert werden.
Es gibt mittlerweile wissenschaftliche Studien, die zeigen, dass sich Yoga positiv auf viele körperliche Probleme wie Bluthochdruck, Erhöhungen des Stresshormonspiegels, Asthma und Schmerzen im unteren Rücken auswirken kann. Auch wenn wir unsere Atmung verändern, können wir Emotionen wie Wut, Depression und Angst lindern.
Interozeption: Wie wir uns mit Yoga selbst besser kennenlernen können
Die Neurowissenschaft zeigt außerdem heute, dass unser Selbstempfinden fest in unserem Körper verankert ist. Erst wenn wir den Bezug zu unserem Körper wieder besser wahrnehmen, können wir Emotionen deutlicher spüren und sie benennen.
Einige Menschen stecken in einer Selbstbetäubung fest und können ihre Emotionen nicht benennen. Hier hat die Yogapraxis gezeigt, dass wir die Beziehung zu unserer inneren Welt wieder finden können und mit uns selbst fürsorglicher und liebevoller umgehen können. Wir dürfen wieder lernen, weg vom Außen und mehr im Inneren anzukommen. Dabei unterstützt das Zusammenspiel aus Pranayama, Yoga-Haltungen und Meditation.
Jetzt müssen wir nicht unbedingt ein Trauma erlebt haben, um von der Yogapraxis zu profitieren. Manchmal kann es sein, dass wir in der Kindheit oder Jugend unschöne Erfahrungen gemacht haben, vielleicht hat der ein oder die andere eine schwierige Beziehung hinter sich – es gibt verschiedenste Gründe, die uns aus dem Gleichgewicht bringen können.
Wenn du magst, dann kannst du gerne deine eigenen Erfahrungen, die du mit Yoga gemacht hast, in den Kommentaren teilen.
Namasté und bis bald,
Marina